Die Zukunft wartet nicht
Marktausblick
Die Zukunft wartet nicht
Marie Ziegler, Vice President Strategy and Innovation bei Hager, erläutert, warum intelligente Gebäude keine Zukunftsvision mehr sind und weshalb Hager für eine Führungsrolle in diesem Wandel prädestiniert ist.
Gebäude stehen im Mittelpunkt der Energiewende. Was bedeutet das für Hager?
Gebäude verursachen 38 % der weltweiten CO₂-Emissionen, und 75 % davon entfallen auf ihren Betrieb, nicht auf ihre Errichtung. Gleichzeitig werden 90 % der heute bestehenden Gebäude auch im Jahr 2050 noch genutzt werden. Die meisten davon sind alles andere als effizient. Deshalb kommt der Gebäudesanierung für uns eine so große Bedeutung zu. Gleichzeitig müssen Neubauten für ein völlig neues Energiesystem ausgelegt werden. Für beide Bereiche bieten wir Lösungen – von der Schaltanlage ausgehend: Elektrifizierungslösungen, Energiemanagement, Laden von Elektrofahrzeugen und Energiespeicherung.
Welche Lösungen werden den größten Einfluss haben?
Am sichtbarsten ist das Laden von Elektrofahrzeugen. Die Menschen sehen und nutzen Ladestationen direkt. Den größten Einfluss werden jedoch Energiemanagement-Software und entsprechende Dienstleistungen haben. Es geht darum, den Energiefluss innerhalb eines Gebäudes zu steuern, den Energieverbrauch zu optimieren und Photovoltaik, Energiespeicher und Elektrofahrzeuge zu einem intelligenten Gesamtsystem zu vernetzen. Genau darin liegt der entscheidende Unterschied. Seit rund 20 Jahren sprechen wir über Smart Homes. Dabei ging es bislang vor allem um Komfort: Beleuchtung, Beschattung und andere Annehmlichkeiten. Was jetzt kommt, ist grundlegend anders. Es geht darum, die Energieversorgung sicherzustellen, Kosten zu minimieren und dafür zu sorgen, dass das Auto geladen ist, wenn man es braucht – ohne überhaupt darüber nachdenken zu müssen.
Seit zwanzig Jahren sprechen wir über Smart Homes. Was jetzt kommt, ist jedoch grundlegend anders: Es geht nicht mehr um Komfort, sondern um Versorgungssicherheit.
Wie weit ist der Wandel hin zu Gebäuden als aktiven Teilnehmern des Energiesystems bereits fortgeschritten?
Wir befinden uns mitten in der Übergangsphase. Früher haben Gebäude ausschließlich Energie verbraucht. Künftig werden sie als Teil eines größeren Ökosystems Energie erzeugen, speichern und optimieren. Wir bezeichnen dies als Microgrid. Damit entwickeln wir uns von zentralen zu dezentralen Strukturen, von kontinuierlicher zu fluktuierender Energieerzeugung und von Energieüberschüssen hin zu Verknappung. Diese Herausforderungen lassen sich nur auf Systemebene lösen.
Bidirektionales Laden verbindet Gebäude und Fahrzeuge. Wie nah ist diese Realität?
Seit drei Jahren entwickeln wir gemeinsam mit führenden europäischen Automobilherstellern V2X-Lösungen. Vehicle-to-Home, Vehicle-to-Grid: Die Technologie ist bereit und wir bereiten ihre Markteinführung vor. Der Zeitpunkt hängt von der Harmonisierung der Standards zwischen Automobil- und Energiewirtschaft ab. Man sollte sich jedoch Folgendes vor Augen führen: Die Batterie eines Elektrofahrzeugs verfügt über eine erhebliche Speicherkapazität. Wenn Tausende dieser Batterien zentral koordiniert werden können, steigt die Resilienz des Energiesystems. Stromausfälle lassen sich vermeiden. Das Stromnetz kann stabilisiert werden. Genau darin liegt das Potenzial.
Die Schaltanlage steht dabei im Zentrum. Wie sieht Innovation an dieser Stelle aus?
Die Schaltanlage bildet die Schnittstelle zwischen dem Stromnetz und allen elektrischen Verbrauchern im Gebäude. Sicherheit hat dabei für uns weiterhin oberste Priorität. Das wird sich niemals ändern. Die entscheidende Innovation besteht jedoch darin, jede Schaltanlage intelligent zu machen – ihr gewissermaßen ein „Gehirn“ zu geben, das Lasten steuert, Ressourcen optimiert und mit dem übergeordneten System kommuniziert. Diese entscheidende Schnittstelle ist unser Kompetenzfeld. Genau dort macht unsere Expertise den Unterschied.
Hager investiert in langfristige Szenarioplanung. Warum ist das gerade jetzt so wichtig?
Weil die Zukunft nicht wartet. Mein Team analysiert jedes Jahr Makrotrends, beispielsweise Technologie, Regulierung, Wettbewerb oder geopolitische Veränderungen. Wir haben vier disruptive Szenarien entwickelt, mit denen Hager innerhalb des kommenden Jahrzehnts konfrontiert werden könnte: zunehmende geopolitische Fragmentierung, klimatische Kipppunkte, tiefgreifende Auswirkungen von KI und radikale Technologiesprünge. Diese helfen uns nicht nur dabei, bestehende Annahmen kritisch zu hinterfragen, sondern auch unsere Prozesse, Partnerschaften und unsere Innovationspipeline vorzubereiten. Nur zwei Wochen nachdem wir eines dieser Szenarien definiert hatten, holte uns die Realität ein. Genau deshalb ist diese Arbeit so wichtig: Sie verbindet langfristiges Denken mit kurzfristigem Handeln.
Warum ist Hager für diesen Wandel besonders gut aufgestellt?
Wir befinden uns am elektrischen Knotenpunkt eines Gebäudes. Dadurch haben wir eine einzigartige Position, um Intelligenz genau dort zu integrieren, wo sie am wichtigsten ist. Wir verbinden mehr als 70 Jahre elektrotechnische Erfahrung mit einer stetig wachsenden Kompetenz bei intelligenten Lösungen und Dienstleistungen. Und wir denken in Ökosystemen – Gebäude, Fahrzeuge, Stromnetze, Menschen. Unsere Aufgabe besteht darin, all diese Welten miteinander zu verbinden: sicher, intelligent und nahtlos.